

Ob quadratisch, rechteckig oder oval, ob sie an eine Tonne, ein Kissen, ein Ei oder ein Sofa erinnern, alle Uhren, die nicht rund sind, werden im Uhrenjargon Formuhren genannt. Werden sie aber auch von Formwerken angetrieben ? Es gab eine Zeit im letzten Jahrhundert, wo das quasi die Regel war und die Werke den Schwung eines Gehäuses bis in die letzten Winkel hinein aufnahmen. Heute ist das die Ausnahme, zum grössten Leidwesen der Bewunderer schön gemachter Uhren. Das klassische runde Werk, dieser praktische Alleskönner, ist allgegenwärtig und wird kurzum mit einem Gehäusering und allem, was es zum Funktionieren sonst noch braucht, an das Gehäuse angepasst, ohne Rücksicht darauf, wie ihm sein zu grosses Kleid steht.
Auch wenn die meisten Kunden davon überhaupt nichts merken und die Sache ihnen verständlicherweise völlig gleichgültig ist, so beklagen die Uhrenkenner doch einen unbestreitbaren Verlust und sind über jede neue Sichtung entzückt. Manche Puristen suchen sogar aktiv danach, auch wenn die Hersteller, die sich mit so viel anderem herumschlagen müssen, davon nichts ahnen. Und auch wenn sie bei der Entwicklung eines neuen Kalibers daran dächten, käme dieses Kriterium nicht an erster Stelle.
Dabei muss ich an die Beratungen einer Preisjury vor ein paar Jahren denken, als die Experten die Vorzüge der konkurrierenden Modelle bewerteten. « Wir haben hier ein wunderbares Formwerk in einer Serienuhr ; das ist so selten, dass es gewürdigt werden sollte. »
Die Rede ist hier natürlich von industriell produzierten Modellen und nicht von limitierten Serien im strengen Sinne, die eigentlich als Prototypen anzusehen sind (vgl. WA008). Denn natürlich prunkt die « neue » Uhrmacherei mit einer betörenden Fülle von Formwerken, die einiges von ihrem Reiz ausmachen, aber – durchaus liebevoll gesagt – auch Traumgebilde enthält, die sich ohne den Schutz ihres Gehäuses im Dunst der Umgebung auflösen würden. Die echten Erfolge reifen stets aus einer engen Zusammenarbeit zwischen Designer und Konstrukteur von Anfang an, wie einst zwischen Gehäuse- und Uhrmacher.
Eine Preisfrage. Abgesehen von modischen Aspekten, die hier durchaus eine Rolle spielen, bestimmen wirtschaftliche Erwägungen – schlicht die Gestehungskosten –, mit welchem Antrieb eine Uhr bestückt wird. Die Entwicklung eines neuen Kalibers ist sehr kostspielig, und die Verwendung von nicht standardisierten Bestandteilen ebenso. Und wozu sich das Leben schwer machen, wenn der Kunde es nicht einmal merkt. Obwohl… Den Uhrmachern haben immer schon Feinheiten gefallen, die nur sie selber würdigen können, und vielleicht noch ein Berufskollege, der irgendwann einmal das Gehäuse öffnen wird, um die Uhr zu reparieren. Zudem sind heute Gehäuseböden aus Saphir in Mode, die einen Einblick in die Mechanismen erlauben, und die gepflegte Präsentation der Werke, Genfer Streifen und womöglich die Anglierung von Hand, ist ein Verkaufsargument geworden. Nur die Form, mit der sich die anspruchsvollsten Marken profilieren könnten, hat noch nicht in die Marketingsprache Eingang gefunden. Dabei hätte sie dort logischerweise ihren Platz, umso mehr als Vintage-Modelle und -Kollektionen gefragt sind. Aber lieber übernimmt man offenbar ein makelloses Design und baut akribisch quadratische oder tonnenförmige Gehäuse nach, ohne ganz konsequent zu sein.
Aber natürlich haben Formuhren nur einen bescheidenen Anteil am Markt. Wie gross ist er ? Im Jahreskatalog 2011 von « Armbanduhren » werden etwas über 1100 Modelle erhoben, davon nach unserer Zählung 165 Formuhren und 960 runde. Im Einzelnen sind es 66 quadratische, 38 rechteckige Stücke, und 25 tonnenförmige Werke, 16 Kissen und knapp zwanzig aus anderen Quellen inspirierte Werke.
Art Déco- Explosion. Über die historischen Entwicklungen geben zwei Standardwerke ausführlich Bescheid : die doppelte « Omega-Bibel » von Marco Richon, in der alle Werke der Bieler Marke verzeichnet sind, und der unglaubliche Wälzer von Patrick Linder, der sich sämtliche Kaliber von Longines vornimmt und sie detailliert schildert und illustriert. Die grosse und diversifizierte Produktion dieser beiden Hersteller erlaubt ein repräsentatives Bild der Entwicklungen, und man stellt fest, dass die Produktion von Form-Armbanduhren mit dem Aufkommen des Art Déco explodierte und von 1930 bis 1950 ihre Blütezeit hatte.
Dieser Boom der Werke von variabler Grösse ist es aufschlussreich. Er zeigt, dass die Mode mit den technischen Bedürfnissen der Uhrmacher im Einklang stand : Eine grössere verfügbare Fläche erlaubt es, grössere Unruhen zu verwenden, die eine bessere Regulierung und erhöhte Zuverlässigkeit garantieren, und grössere Federhäuser zur Steigerung der Energiezufuhr einzusetzen. Uhren mit dieser idealen Form erwiesen sich im Übrigen als äusserst konkurrenzfähig.
Für die Damenuhren war die von den Marken unterstützte Mode ein Glücksfall, denn sie brachte die Firmen vom unmöglichen Wettbewerb ab, immer noch kleinere Uhren herzustellen. Dabei hatte Jaeger-LeCoultre mit seinem Mikrokaliber 101 schon 1929 eine schwer erreichbare Marke gesetzt. Natürlich sträubte sich die Konkurrenz nie dagegen, Miniwerke in allen erdenklichen Formen zu ersinnen, aber welch ein Glück, nicht stets nur dem Allerwinzigsten nachrennen zu müssen.
Eine berühmte Formuhr von Omega war das 1933 unter der Matrikelnummer T17 lancierte Werk, das stolze 60 Stunden Gangreserve aufwies. Bis 1946 wurden 168 000 Stück davon produziert, viermal mehr als von seinem Vorgänger aus den späten 1920er Jahren. Doch es gab noch andere, sehr viele andere, vor allem tonnenförmige oder rechteckige Damenmodelle wie das Kaliber R 17.8 von 1940, dessen Erfolg mit 300 600 produzierten Stück bis 1961 anhielt. Sogar auf 1.1 Millionen Stück bringt es die Familie der 240R zwischen 1938 und 1963, während eine weitere Linie, die 1954 lancierte 480er Serie, rund 3 330 000 Stück erreicht, bis sie 1969 eingestellt wird.
Aus der Rückschau verblüfft heute die unglaubliche Zahl und Vielfalt an Kalibern, die damals von den Fabrikanten vorgelegt wurden. Sie wurden bei Longines, LeCoultre, Zenith und in allen Uhrenfabriken des Jurabogens in stattlicher Anzahl geboren.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Niedergang der Formuhren, der sich ab den 1960er Jahren verstärkte. Man wollte etwas Neues und spürte den Wind aus Amerika, der rationelle, wirksame und standardisierte Lösungen propagierte ; aber auch ein rein technisches Element ist zu nennen : der zunehmende Erfolg der Uhren mit automatischem Aufzug und einer Schwungmasse mit zwangsläufig kreisförmiger Bewegung, unabhängig von der Gehäuseform, es sei denn, ein Mikrorotor kommt zum Einsatz.
Die Quadratur des Kreises. Einige Stilikonen sind durch alle Widrigkeiten der Geschichte hindurch in Form geblieben, und ihre Modelle sind immer noch da. Natürlich wird man dabei zuerst an die legendäre Reverso denken, die in den 1970er Jahren fast in der Versenkung verschwand, aus der sie zu Recht errettet wurde, um zwanzig Jahre später mit einer bunten Palette von Komplikationen zu glänzen. Mehr in Form denn je, konnte sie dieses Jahr ihren 80. Geburtstag feiern. Wurde sie immer schon mit einem rechteckigen Werk betrieben ? Sebastian Vivas, Konservator des Firmenerbes, der über rund tausend hauseigene Kaliber wacht, kann dies grosso modo bestätigen. So kommt man seit ihrem Geburtsjahr 1931 auf über 50 rechteckige Kaliber mit gebrochenen oder abgerundeten Kanten. Einige Ausnahmen gibt es, wie die Squadra Automatik mit rundem Werk und Garnitur zur Einpassung in ein quadratisches Werk. Diese Einpassung der runden Form in ein Quadrat ist übrigens bei den meisten Marken die Regel, vor allem bei den Chronographen : Die Monaco von TAG Heuer zum Beispiel hatte nie ein quadratisches Werk.
Auch andere Reminiszenzen aus der Vergangenheit springen in den heutigen Kollektionen ins Auge, zum Beispiel die Gondolo von Patek. Das Genfer Haus interpretiert ihr Art Déco-Design zeitgemäss und hat für sie neue Formkaliber, die in seinen Kollektionen nie fehlten, entwickelt und produziert.
Zu denken ist auch an eine rechteckige Rolex, die Prince von 1928, die in den 1940er Jahren verschwand und 2005 mit einem Formwerk neu lanciert wurde.
Nicht zu vergessen sind ferner die Santos (1904) und vor allem die Tank (1919) von Cartier, die allerdings grössere Wandlungen durchmachten. Ursprünglich mit Formwerken von Jaeger-LeCoultre bestückt, mussten diese dem Hauskaliber 120 weichen, bei dem es sich jedoch um ein rundes Automatikwerk handelt. Bei Girard-Perregaux hat eine quadratische Uhr von 1945 eine Vintage-Kollektion inspiriert, bei der man zweigleisig fährt : Formwerke für Prestigeuhren und runde Kaliber für die gängigeren Modelle.
Unter den nach der Wiedergeburt der mechanischen Uhrmacherei entstandenen Marken setzt Franck Muller kompromisslos und erfolgreich auf Formwerke und bestückt originelle Gehäuse damit, wie zum Beispiel die Curvex. Auch Daniel Roth wäre hier zu nennen, doch ist der Ausstoss dieser Firma bescheidener.
In jüngerer Zeit hat sich Chopard mit ihren in Fleurier entwickelten Formkalibern hervorgetan, die ihr den Respekt der Branche und der Liebhaber traditionsreicher Feinmechanik sichern. Auch Eterna überraschte diesen anspruchsvollen Club mit einem beachtlichen rechteckigen Werk für ihre tonnenförmige Madison, das an der Baselworld 2008 präsentiert wurde.
Respekt der Kenner. Jedes Mal sind derartigen Ambitionen die Aufmerksamkeit und Hochachtung der Kenner sicher. Das jüngste Beispiel stammt von Audemars Piguet, die am SIHH 2011 ein neues ovales Werk präsentierte, natürlich für ihre Millenary-Kollektion. Hier schwingt das Pendel im wahrsten Sinne des Wortes besonders schön zurück, denn während es dieses Modell in den 1990er Jahren bald in den verschiedensten Ausführungen gab, waren die Motoren alle rund und nicht weiter auffällig. Die Begeisterung verflog ziemlich schnell. Dann kam das Oval in den 2000er Jahren erneut auf, mit einer originellen Hemmung und Komplikationen, die das Raum- und Volumenpotenzial dieser besonderen Form gekonnt ausnutzten. Es fehlte nichts, was zu einer modernen Prestigeuhr gehört, inklusive der Tatsache, dass sie für normale Sterbliche unerschwinglich war.
Der dritte Akt des Schauspiels hat mit einem Theatercoup begonnen : Die Höhenluft der komplizierten mechanischen Wunderdinge in limitierten Serien wird zugunsten der erdnahen Sphäre der erschwinglicheren Uhren verlassen, in der es sich durchaus atmen lässt dank eines Formwerks, das man als Basiskaliber beschreiben könnte. Das heisst, dieses Konzept geht auf die Erfordernisse der industriellen Produktion ein und bietet ein « drei Zeiger »-Automatikwerk, das dann mit diversen Modulen, Komplikationen und originellen Anzeigen bestückt werden kann. Doch auch so ist die Uhr verführerisch mit ihrer dreidimensionalen Architektur samt einem Dutzend Brücken und einer Anordnung der Organe, die dem Betrachter gleichzeitig den Blick auf Hemmung und Oszillator und auf die Zeitanzeige erlaubt.
Mit seinen technischen Raffinessen in Chronometer-Qualität, seiner Ästhetik und seinem handwerklichen Schliff wird Audemars Piguets jüngstes Kind zwei Millenary-Modelle beleben, das eine in Gold, das andere in Stahl, die Ende Jahr auf den Markt kommen werden. Grund genug, um die Liebhaber von Formwerken zu verlocken. Was wollen sie mehr?
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Ringe für alles
Die Verwendung von Werkhalteringen beschränkt sich nicht auf das Vermählen unterschiedlicher Formen. Sie hat sich auf breiter Basis durchgesetzt, wenn kleine Werke auf der Bühne der Grossen mitspielen wollen. Das praktische Rezept hat die Konzeption spezifischer Werke für unterschiedliche Uhrengehäuse verdrängt. Was bei mittelgrossen Uhren noch anging, sieht bei den heutigen grossen Gehäusen zum Teil beschämend aus: „Wenn eine Erbse vorgibt, eine Kartoffel anzutreiben, mag das funktionieren, aber es wirkt ebenso grotesk, wie wenn Sie unter der Motorhaube Ihres Mercedes den Motor eines 2CV entdecken,“ scherzt ein Uhrmacher.
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