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Der Kosmos der Weltzeituhren

Der Kosmos der Weltzeituhren

Von: Jean-Philippe Arm

Unter den Urmüttern ist die Taschenuhr von Rouzier und Melly von ca. 1780 zu sehen, die die Ortszeiten von 53 Städten angibt.

Ob man sie nun «Weltzeituhren» oder «Zei­tzonen­uhren» nennt, so oder so haben Uhren, die automatisch und permanent die 24 Zeitzonen anhand von gleich vielen Städten anzeigen, eine ebenso nützliche wie noble Komplikation aufzuweisen. Sie lassen an Historisches, an die grossen Entdecker, an grosse Fahrten auf der Suche nach genauen Instrumenten denken, mit denen sich der Längengrad auf See bestimmen liesse. Sie erzählen von der Notwendigkeit für die Länder, sich auf eine gemeinsame Referenz zu einigen und unsere blaue Orange in 24 in etwa gleiche und geopolitisch annehmbare Schnitze zu teilen.

Die Uhren, die für all dies stehen, gehen auf einen Mechanismus zurück, der aus den 1930er Jahren stammt und in jeder neuen Interpretation unweigerlich wieder fasziniert. Bei der neuen World Time von Vacheron Constantin, die kürzlich am SIHH (Salon International de la Haute Horlogerie) in Genf präsentiert wurde, ist dies unbestreitbar so. Dabei mangelte es bei all dem Schönen, das da mitten im Winter ganz offiziell am Salon oder an einem der immer zahlreicheren Begleitanlässe erblühte, durchaus nicht an Konkurrenz. Es fällt schwer, noch aufzufallen, wenn so viele Meister­werke der Technik, Kunst und Könner­schaft und so viele innovative Konzepte und Ideen beachtet sein wollen. Erst recht, wenn man weiss, dass der Druck an der Baselworld zwei Monate später noch ungleich grösser sein wird…

Das beneidenswerte Prestige, das dieser zugleich klassische und exklusive Uhrentyp geniesst, ist um so bemerkens­werter, als keine grosse Komplikation dahinter steckt. Was eine ehrwürdige Heure Universelle von Patek Philippe (Ref. 1415, in Platin) nicht daran hinderte, 2002 an einer Armbanduhrenauktion alle Rekorde zu schlagen: 6.6 Millionen Franken löste sie… Ein weiteres Modell in Gold mit emailliertem Zifferblatt aus demselben Jahr wechselte für 2.7 Millionen den Besitzer. Bei solchen Zahlen, für die es manche Gründe gibt, versteht es sich, dass Weltzeituhren nach wie vor begeistern. Sie sind der typische Mix aus Kultur und Wissenschaft, der den besten Produkten der Uhrmacherei ihre Würze gibt.

Das Abkommen, das den berühmten Nullmeridian von Greenwich zur Referenz GMT (Greenwich Mean Time) erhob, ging 1884 aus einer Konferenz in Washington hervor, an der Vertreter aus rund 25 Ländern versammelt waren. Doch es sollte noch einmal mehrere Jahrzehnte dauern, bis dieser Standard allgemein anerkannt war. Und heute noch gibt es eine Handvoll offizielle Zeiten, die um eine Viertel- oder halbe Stunde abweichen. Die Schweiz glich am 1. Juni 1894 ihre Berner Zeit an die Mitteleuropäische Zeit des 15. Meridians östlich von Greenwich, oder GMT+1, an.

Episodisches
In Paris ertrug man es damals schlecht, dass man dem jüngeren Londoner Observatorium den Vorzug gegeben hatte, und sträubte sich. Die Engländer waren schlau gewesen und hatten durchblicken lassen, dass sie im Gegenzug das metrische System übernehmen würden, ein vornehmes Erbe der Französischen Revolution mit ihrem Anspruch auf Weltgeltung. Doch das inoffizielle Versprechen wurde nie eingelöst. Schliesslich beugte sich Frankreich seinen europäischen Nachbarländern, hob die Landes­differenz von 9 Minuten auf und übernahm 1911 den Nullmeridian von Greenwich.

Dies mag eine Episode sein, doch erkennt man daran, wie hoch symbolisch und emotionsgeladen die Sache war. Dabei ist festzuhalten, dass die Amerikaner, denen ihrer Eisenbahnen wegen sehr an einer Lösung lag, keinen US-Meridian forcierten… Immerhin hatte die europäische Lösung den Vorteil, dass die mitternächtliche Datumsgrenze weit im Pazifik draussen lag.

Eine kleine Präzisierung für aufmerksame Leser: Nach GMT begann der 24-Stunden-Tag gemäss britischer Tradition um Mittag. Der erste Teil des Tages spielte sich somit vor der GMT Null-Zeit ab und der zweite danach. Was zunächst als kauzige kulturelle Besonderheit durchging, wurde zunehmend als globale Abweichung betrachtet, die 1972 mit der Einführung der UTC (Universal Time Coordinated) korrigiert wurde. Gemäss der UTC, die auf einem weltweiten Netz von 200 Cäsium-Atomuhren basiert, deren Messungen sie sammelt und mittelt, beginnt der Tag um Mitternacht. Uff! Fast ein Jahrhundert hatte es dazu gebraucht.

Ein raffinierter Mechanismus
Warten musste man auch, immerhin weniger lang, bis Anfang der 1930er Jahre der unabhängige Genfer Uhrmacher Louis Cottier den raffinierten Mechanismus erfand, mit dessen Hilfe man auf einen Blick alle Zeitzonen auf dem Uhrenzifferblatt ablesen konnte. Um das «Cottier-System» kreist in diesem Dossier unabhängig von Zeit und Ort alles. Es ist das Gravitations­zentrum. Und natürlich kommt man dabei um den neusten Trabanten, die World Time von Vacheron Constantin, nicht herum.

Die Idee, verschiedene Ortszeiten anzuzeigen, ist schon alt. Wem ist nicht schon in einem Buch oder in einer Ausstellung eine stattliche Taschenuhr aufgefallen mit etlichen Teilzifferblättern, die angaben, wie spät es in dieser oder jener Hauptstadt war? Erst vor einem Jahr war am SIHH unter einer Reihe von Schätzen der Sammlung Beyer ein Stück von 1780 zu bewundern, auf dessen Rückseite um eine 24-Stundenscheibe herum, die sich im Gegen­uhrzeigersinn dreht, die Namen von 53 Städten verzeichnet sind. Eine Urmutter des Cottier-Systems gewissermassen, die von den beiden Genfer Uhrmachern Rouzier und Melly ersonnen wurde. Ein paar Schritte weiter stiess man unter den 270 Ausstellungsstücken von Cartier wie von selbst auf eine Verwandte, auch sie mit ihren über fünfzig Orten eine Pionierin der Weltzeituhr. Man muss bedenken, dass es vor 1884 noch Hunderte von verschiedenen Ortszeiten gab.

Allgemein führt man das markante Aufkommen von Weltzeituhren in den 1930er Jahren auf ein mit der Entwicklung der internationalen Luftfahrt und Telekommunikation gewachsenes Bedürfnis zurück. Die Erfindung von Louis Cottier kam da wie gerufen. Als sie 1931 mit dem Bijoutier Baszanger verwirklicht wurde, waren die grossen Genfer Marken sofort davon angetan. Sie bestellten, und eine fruchtbare massgeschneiderte Zusammen­arbeit mit dem Uhrmacher begann.

Man vergisst manchmal, dass eine solche Partner­schaft in der Geschichte der Uhrmacherei eher die Regel als die Ausnahme ist. In diesem Fall profitierten Patek Philippe, Vacheron Constantin oder Agassiz (Longines) davon. Und Louis Cottier, dem der Rolex-Gründer Hans Wilsdorf den Unterhalt seiner eigenen Kollektion anvertraute, hatte nie Grund, sich über seine Position zu beklagen. Er hatte sie sich jedoch nicht ausgesucht.

Wenn man in die Archive taucht – und solche Entdeckungen sind ja der Reiz daran –, stösst man nämlich auf ein Stellengesuch, das er 1930 an Vacheron Constantin richtet, kurz nach dem Tod seines Vaters. Dieser, 1858 geboren, hatte dort nämlich in jungen Jahren gearbeitet, bevor er in Carouge sein eigenes Atelier eröffnete, bei dem das ehrwürdige Haus mit dem Malteserkreuz ein regelmässiger Kunde war. Sein begabter Sohn setzte seine Talente nach der Uhrmacherschule natürlich für das Familienunternehmen ein, doch als er die Firma unmittelbar nach dem Crash von 1929 übernahm, war ihre Zukunft ungewiss.

Der Brief vom 31. August 1930 an Charles Vacheron verrät die besondere Beziehung: «…ich ersuche um eine Anstellung in Ihrem Hause, bevor ich weitere Vorstösse andernorts in Erwägung ziehe.» Und in der Nachschrift fügt er hinzu: «In der Hinterlassenschaft meines Vaters habe ich einen höchst originellen Mechanismus für eine Uhr ohne Zeiger gefunden, an dem Sie interessiert sein könnten.» Aber die Zeiten sind für alle schwierig, und die Marke, die schon um die Erhaltung ihrer eigenen Arbeitsplätze kämpft, kann ihn nicht einstellen. Man kann das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, trotzdem ist es reizvoll, sich dieses andere Szenario auszumalen, wenn man bedenkt, wie viel Louis Cottier als Freischaffender beitrug.

Das «Cottier-System»
So oder so war die erste Weltzeituhr von Vacheron Constantin mit dem «Cottier-System» 1932 geboren (Ref. 3372). Es handelt sich um eine Taschenuhr, die die Zeit­zonen von 31 Städten auf ihrem Zifferblatt anzeigt. Um das zentrale Zifferblatt mit Stunden- und Minutenzeiger, die die gewählte Ortszeit angeben, dreht sich eine 24-Stundenscheibe im Gegen­uhrzeigersinn pro Stunde um einen Zacken weiter, während am Rand eine unbewegliche Scheibe die Referenzstädte anzeigt, wobei die Stadt mit der Home Time in der Regel bei zwölf Uhr platziert wird. Ein Beispiel gefällig? Es ist 10 Uhr 10, und Sie sind in Genf, das auf dem 24-Stunden-Ring am nächsten bei der Ziffer 10 steht. London steht daneben, bei 9 Uhr. Eine Stunde später stehen die Zeiger auf 11, der Ring hat sich um einen Zacken gedreht und zeigt 10 und ein paar zerquetschte für London, 7 Uhr für Rio, 20 Uhr für Sydney. Und so geht das 24 Stunden lang. Das ist das ganze Geheimnis der Weltzeituhren.

Dies und nichts anderes. Darum sollte man sie nicht verwechseln mit den tausend Variationen der sogenannten GMT-Uhren, die man mit François-Paul Journe besser UTC-Uhren nennen könnte. Mit ihnen kann man leicht zwischen den Zeitzonen wechseln oder eine zweite oder dritte Ortszeit anzeigen (siehe WA005). Die Verwirrung rührt oft daher, dass für die zweite Zone auch ein Städte­name steht, jedoch ohne automatische und permanente Nachführung.

Das «Cottier-System» wurde im Lauf der Zeit weiterentwickelt, verbessert und ausgebaut, doch das Grundprinzip seines genialen Erfinders blieb unverändert. Bei Vacheron kamen vier Jahre später, 1936, zwei weitere Taschenuhrmodelle heraus, das eine mit denselben 31 Städten, das andere mit «nur» 30, weil Kairo seltsamerweise verschwunden war. Gerade auch dies ist an den Zifferblättern der Weltzeituhren faszinierend: Sie verraten viel über eine Epoche, das geopolitische Umfeld und die wechselnde Bedeutung der aufgeführten Städte, Inseln und Märkte. So überrascht es nicht, dass selbst die Zeit von St. Helena erscheint…

Die Bahnhöfe der Transsibirischen Eisen­bahn
Eine Reiseuhr par excellence des MIH (Internationales Uhrenmuseum in La Chaux-de-Fonds) gibt die Zeit von 140 Städten und Orten an, darunter sämtliche Bahnhöfe der Transsibirischen. Ein Fundstück für die Forscher, die schon wissen, dass die Route im Grenzgebiet zwischen Russland und China aus politischen Gründen einmal geändert wurde. So wird das Zifferblatt zum Zeitzeugen und Dokument fürs Archiv. Oder, wie der Historiker der Fondation pour la Haute Horlogerie Dominique Fléchon, der kurz vor seiner Pensionierung steht, bemerkt: «Der Mechanismus ist bei diesen Uhren bewährt und bekannt, und so setzt man auf die Anzeige und erweitert das Uhrmacherische um eine neue Dimension, was gerade das Spannende ist.»

Manchmal verraten die Zeitzonenuhren auch die Herkunft des Kunden, die Orte, die ihm am liebsten sind und wo er sein Leben verbringt, seine Geschäfte tätigt und seine Freunde hat. Oft tauchen auch Orte auf, die ihr Erscheinen vor allem ihrer Exotik verdanken. South Georgia zum Beispiel, mit dem offiziell nur Grönland wetteifert und von dem man, bis auf die Briten, kaum etwas wüsste, wenn diese Insel im Südatlantik nicht regelmässig auf Weltzeituhren zwischen der Zone der Azoren und der von Rio verzeichne wäre. Da deren offizielle Zeit jedoch mehr mit einem Entscheid von Politik und Verwaltung als mit den Zeitzonen zu tun hat, muss South Georgia jedoch da und dort auch den Azoren weichen.

In den späten 1930er Jahren verwendet Vacheron das «System Cottier» bei einer Serie von Penduletten, die 67 Orte anzeigen. Auch in den folgenden Jahrzehnten findet es sich immer wieder bei den Weltzeituhren, die regelmässig in den Kollektionen auftauchen. In den 1940er Jahren weist das Modell Heure Internationale 41 Städte auf, und die Tag-Nacht-Anzeige gehört nun dazu. Am Ende des nächsten Jahrzehnts kann man bei einer automatischen Armbanduhr über einen Drücker bei 9 Uhr die Städtescheibe bewegen. Man findet ihn auch bei einer Sprungdeckeluhr der 1960er Jahre, in der Kollektion Phidias und danach in den limitierten Serien der 2000er Jahre.

Verneigung vor dem Meister
Schon in den 1930er Jahren entwickelte Louis Cottier seinen Mechanismus zusammen mit der Firma Patek Philippe weiter, die dafür 1959 ein erstes Patent anmeldete. In der Folge erfand er eine Vorrichtung zur Simultananzeige von zwei Zeitzonen, die man Ende der 1990er Jahre auf der Calatrava Travel Time wiederfinden sollte. Unterdessen war Louis Cottier 1966 in Carouge gestorben und hinterliess Patek den noch unverwerteten Prototyp einer Uhr ohne Zeiger und Zifferblatt, aus der vor einem Jahr mit gebührender Verneigung vor dem Meister die Cobra von Urwerk wurde (siehe WA009).

In den 2000er Jahren hat Patek der Wieder­aufnahme der Weltuhr in die aktuelle Kollektion mit einem ultraflachen Werk mit Mikrorotor, einem optimierten 240 HU Kaliber, Glanz verliehen. Der Anzeigemechanismus für die Zeitzonen wurde vom Gangwerk der Uhr entkoppelt, um den Zonenwechsel jederzeit ohne Beeinträchtigung des Gangs zu erlauben. Schliesslich sei die Heure Universelle von 2008 genannt, geziert von einem Zifferblatt aus Cloisonné-Email.

Die Rückkehr des Cottier-Systems ins Rampenlicht im Jahr 2011, 80 Jahre nachdem es erstmals die Bühne betrat, ist eine schöne Reverenz an den Meister. Vacheron Constantin erweist sie ihm sinnigerweise mit ihrer Kollektion Patrimony traditionnelle, mit einer neuen technischen Raffinesse, die Louis Cottier bestimmt auch gefallen hätte.

Partielle Zeitzonen
Diese neue Weltzeituhr berücksichtigt nämlich als erste die partiellen Zeitzonen, die indische halbe oder die nepalesische Viertelstunde. Sie integriert in 37 Referenzen ein gutes Dutzend Städte, Länder oder Inseln, die von ihrem natürlichen Meridian um eine Viertel-, eine halbe oder ­Dreiviertel­stunde abweichen. Willkommen also in Delhi, Teheran, Kabul, Adelaide, Caracas, Kingston, Les Marquises oder Nepal! Was einige wenige GMT-Uhren wie die Parmigiani Tonda Hemispheres schafften, die ihre zweite Zeitzone auf die Minute reguliert, gelingt hier bei einer Weltzeituhr – das ist beachtlich.

Die Anzeige basiert auf drei Zifferblättern. Eines ist aus Metall mit den Ortsangaben und einer Weltkarte in Lambert-Projektion; das zweite ist aus Saphir mit spektakulär abgestufter Tag-/Nachtanzeige, die natürlich mit der 24-Stunden-Anzeige verbunden ist. Das dritte Element, der Minutenring, ist aus Metall. Darauf sieht man bei 6 Uhr ein kleines Dreieck, vor dem sich die gewählte Referenzstadt befindet, für die die Zeiger die Uhrzeit angeben. Sämtliche Einstellungen erfolgen über die Krone. Das mit 4 Hertz oder 28800 Schwingungen pro Stunde pulsierende Automatikwerk im Innern eines 42.5 mm Rotgold-Gehäuses mit Saphirboden verfügt über eine Gang­autonomie von 40 Stunden. Muss noch erwähnt werde, dass für dieses neue Kaliber ein Patent eingereicht wird?

Unser Dossier wäre nicht vollständig ohne einen Hinweis auf Harrison und den «Längenpreis», und zum Schluss empfehlen wir einen Besuch auf unserer Homepage www.watch-around.com, wo mehr zu erfahren ist über die GMT- oder UTC-Uhren, diese nicht allzu fernen Verwandten der ehrwürdigen Weltzeituhren.