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Kaliber 240 hat seinen grossen Auftritt

Kaliber 240 hat seinen grossen Auftritt

Von: Jean-Philippe Arm

Es wurde 1977 geboren. Vierzig Jahre später macht es Patek Philippe immer noch glücklich, ebenso wie die Besitzer von ganz unterschiedlichen, stets eleganten Uhren. Es hielt sich dabei ganz im Hintergrund. Wenn gefeiert wird, stehen eher die Kollektionen im Mittelpunkt. Aber Anfang 2017steht für einmal ein Werk im Scheinwerferlicht. Es hat dies in mehr als einer Hinsicht verdient.

Dieses in den 1970er Jahren mitten in der Quarzkrise konzipierte und lancierte automatische, extraflache Kaliber war als subtile Antwort auf die Herausforderung der Elektronik gedacht und trug zur Renaissance der hochklassigen mechanischen Uhrmacherei bei. Seit seiner Geburt kam es ohne Unterbruch zum Einsatz und entwickelte sich im Lauf der Jahrzehnte weiter, wobei es von den kühnsten technologischen Durchbrüchen profitierte. Es verkörpert somit perfekt die Entwicklung der Uhrmacherei seitdem.

Sein Name wird zwar den Spezialisten in der Uhrenbranche bekannt sein, doch den meisten Leuten ist Kaliber 240 wohl kein Begriff. Ein Grund mehr, dessen 40. Geburtstag an dieser Stelle zu würdigen.

Der von Henri und Philippe Stern Mitte der 1970er Jahre erteilte Auftrag hatte die Mitarbeiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung überrascht, die schicksalsergeben eher eine Arbeit im Quarzbereich erwarteten. Doch nein! Sich auf Quarzuhren zu verlegen kam nicht in Frage. Trotzdem musste man deren Trümpfe bewahren : den Tragkomfort und die Eleganz. Man wollte demnach ein möglichst flaches Automatikkaliber entwickeln. Die Lösung führte über einen Mikrorotor.

Kaliber 240 wurde von Gérard Berret gebaut, damals Chef der Technikabteilung. Man hatte ihn 1968 angestellt, er kam von Universal, wo man schon 1958 über ein Werk mit Mikrorotor verfügte. Er hatte diesen besonderen Mechanismus selber gebaut und kannte dessen Vor- und Nachteile aus nächster Anschauung. Diese Erfahrung erlaubte es ihm, Werk 240 für Patek in ausserordentlich kurzer Zeit zu entwerfen und zu entwickeln.

Gab es einen Wunsch oder eine Notwendigkeit, sich zu beeilen ? « Nicht wirklich, denn Hetze war nie der Stil des Hauses. Ich würde eher von einer günstigen Gelegenheit sprechen », erläutert Daniel Jaquet, der 1964 zu Patek stiess und dort lange Produktionschef war. Er war mittendrin im Geschehen, und konnte die Entwicklung des Kalibers 240 und dessen epischen Höhenflug mitverfolgen. Unser zweiter Gewährsmann ist Philip Barat, technischer Direktor von Patek Philippe, der seit 1992 für das Haus arbeitet.

Die Krux des Aufzugs
Das System des automatischen Aufzugs mit Mikrorotor war von 1960 bis 1970 nicht verbreitet, denn eine kleine exzentrische Schwungmasse zog weniger gut auf als ein klassischer Rotor im Zentrum, und vielleicht gar mangelhaft. « Das war die grosse Befürchtung », erinnert sich Daniel Jaquet. « Und lästig war es auch, einen für damals grossen Durchmesser von 27 bis 27.5 mm zu wählen. Darüber kann man heute nur lachen. »

Aber der grosse Vorteil war, dadurch ein sehr flaches Werk zu erhalten. Ohne es mit dem Quarz an Genauigkeit aufnehmen zu wollen, sollte es mechanische Uhren antreiben, die man nicht aufziehen musste und die jederzeit elegant wirkten. So wollte man sich in Genf der elektronischen Flut entgegenstemmen.

Um den Aufzug zu optimieren und dabei stets auf die flache Uhr zu setzen, galt es einige Entscheidungen zu treffen. Frequenz ? Hier stand man klassisch bei 2.5 Hz, schielte aber nach oben. Grösse und Gangreserve verboten es, an eine Schwingung von 4 Hz zu denken, also wählte man vernünftigerweise 3 Hz, mit einer 1953 patentierten Gyromax-Unruh.

Die Richtungswahl
Aufzug ? Hier galt es zwischen einer und zwei Drehrichtungen zu entscheiden. Dies ist bekanntlich eine alte Debatte… In diesem Fall wurden beide Lösungen mit Prototypen getestet, und der Aufzug in nur einer Richtung erwies sich als leistungsfähiger. « So gehen wir immer vor, ohne Vorentscheidung », unterstreicht Philip Barat. « In diesem Fall handelte es sich um eine Mikromasse ohne dieselbe Dynamik wie ein zentraler Rotor, und ihre unidirektionale Leistung war besser. »

Anekdotisch sei festgehalten, dass diese Phase des Prototypenbaus und der Validierung des Kalibers anno 1976 in Genf, in der Fabrik von La Jonction, stattfand. Danach kam das Werk in die Ateliers an der Rue du Rhône und wurde ausgestattet, eingeschalt in ein neues Modell und im Frühling 1977 in Basel präsentiert, seiner offiziellen Geburtsstunde. Seitdem sind vierzig Jahre vergangen. Wenn man das Werk heute bei diversen Modellen entdeckt, würde man bei einem Blick auf die Brücken sagen, es habe sich nicht verändert, während es sich in Wirklichkeit stark entwickelt hat.

Der Auftrag war zu Pateks Zufriedenheit erfüllt. Davor verfügte man über ein Automatikwerk von 4.6 mm Dicke (das 27460), das einen ewigen Kalender antrieb. Mit Kaliber 240 mass man noch 2.4 mm bei der Brücke und 2.5 mm bei der Schwungmasse aus Gold. Anfänglich waren es noch durchgehend 2.40, daher seine Matrikel. « Aber der Aufzug war nicht stark genug, und wir brauchten eine grössere Schwungmasse, darum dieser zusätzliche Zehntel auf der Ebene des Rotors, der maximal ins Werk selbst integriert ist. »

Das ultraflache Werk sollte möglichst wenig Energie ziehen. Eine ganze Palette von Verbesserungen hat es leistungsfähiger gemacht. Wegen der Flachheit gab es kein Zentrumsrad, stattdessen ein dezentrales Grossbodenrad, nach der üblichen Beschreibung eines Gehwerks. « Aber damit die Räder sich nicht überlagerten, mussten wir uns etwas einfallen lassen », gesteht Philip Barat. « Zum Beispiel ersetzten wir das traditionelle Laternen-Minutenrohr durch eine schlichte Passfeder. » Das können die Uhrmacher würdigen. Die gewöhnlichen Sterblichen werden mitnehmen, dass sich hinter der Terminologie bestimmt grösste technische Herausforderungen verbergen. Der Teufel steckt ja vielleicht im Detail, aber das Heil ebenso. So ist es immer gewesen, von der Klepsydra bis zur Atomuhr.

Die kleine Sekunde
Das Kaliber 240 hat keine zentrale Sekunde und ursprünglich auch keine kleine Sekunde. Das ist frappant und verdient eine Sekunde Beachtung. In seinem eigenen Zahnkreis dreht sich das Sekundenrad, das diesen Namen formell trotzdem behält, nicht in einer Minute. Das ist auch nicht zwingend. Ausserdem liegt es bei 4 h 30. Beim Originalkaliber kam die Anzeige nicht in Frage, zwanzig Jahre später wird sie jedoch an genau diesem atypischen Ort erscheinen. Philip Barat lächelt : « 1976, als man das Kaliber konzipierte, war es undenkbar, eine kleine Sekunde in dieser Position vorzusehen. Man hätte sich zum Gespött aller Uhrmacher gemacht : Die kleine Sekunde musste bei 6, 3 oder 9 Uhr liegen, aber sicher nicht bei 4 h 30. » Daniel Jacquet ergänzt : « Und hätte man sie bei 6 oder 9 Uhr vorgesehen, hätte man einen grösseren Durchmesser gebraucht und eine etwas grössere Dicke. Das kam aber nicht in Frage. Darum hat das Originalkaliber 240 keine kleine Sekunde. »

Doch schon 1992 erscheint sie an diesem atypischen Ort 4 h 30 und 1993 bei 7 h 30, aus Gründen der Übersichtlichkeit, in einer kleinen Komplikation mit Mondphase und Gangreserveanzeige.

Auch 2005 wird die kleine Sekunde noch bei 4 h 30 angezeigt. Dann wandert sie 2011 beim Regulator, der sich ganz auf Kaliber 240 stützt, nach 6 Uhr. Aber die Uhr hat nun gleichzeitig einen Durchmesser von 31 mm statt 27.5 mm.

Doch vergessen wir die kleine Sekunde und nehmen den Faden wieder auf.

Im Dienst des ewigen Kalenders
Die erste Referenz mit Kaliber 240 ist also 1977 die Ellipse d’Or, Referenz 3738, gelbgold, blaues Zifferblatt. Vier Jahre später gibt es davon eine skelettierte Version. Dann treibt das Kaliber ab 1985 einen ewigen Kalender an, der ein paar Jahre davor von Dubois-Dépraz gebaut und angeboten wurde, einem geschätzten Partner und Zulieferer von Komponenten und Bauteilen aus dem Vallée de Joux. « Die konnten extrem fein gearbeitete Federn und Hebelfedern liefern, was für ewige Kalender sehr wichtig ist », erinnert sich Daniel Jaquet. Dabei darf man nicht vergessen, dass die Vertikalisierung der Marken eine neuere Erscheinung ist. Es war gang und gäbe, dass die Zulieferer Ideen, Projekte, Entwürfe oder Prototypen beisteuerten. « Wir waren hell begeistert und haben trotzdem lange gezögert, das Ding genauso herauszugeben. Es war nämlich eine atypische Bauweise für Patek. Um trotzdem schlank zu bleiben, mussten wir den ewigen Kalender in die Federhausbrücke und in die Werkplatte integrieren. So haben wir es dann auch gemacht. »

Diese Zweitverwendung oder Variante von 240 kommt 1985 mit der Referenz 3940 offiziell heraus. « Und das ist heute noch mit seinen 3.95 mm Dicke einer der flachsten ewigen Kalender. Das war wirklich eine Grosstat, dank Kaliber 240 und der Anzeige über Zeiger. »

Kleine Komplikationen
Acht Jahre hatte es bis zu dieser Abwandlung gedauert, und noch einmal zwölf Jahre vergingen, bis 1997 die Referenz 5055 erschien, bei der das Werk eine kleine Sekunde, Datum, Mondphase und Gangreserveanzeige antrieb. Nach einem ersten Versuch 1993 und ein Jahr nach dem ersten Jahreskalender nahmen damit die kleinen, nützlichen Komplikationen Fahrt auf, in erschwinglicheren Uhren als solchen mit ewigem Kalender.

So geht die Saga des ultraflachen Kalibers 240 weiter, im Takt der Komplikationen, bei denen es eingesetzt wird. In Modulbauweise ? Philip Barat schüttelt den Kopf : « Nicht unbedingt. Der ewige Kalender von 1985 hatte einen modularen, das heisst unabhängigen und einen direkt in die Platine integrierten Teil. Bei uns ist übrigens eher die Integration oder Halb-Integration die Regel. Man legt nicht einfach zusätzliche Platten auf. Bei der “Heure universelle 2000” zum Beispiel ist diese Funktion kein Modul : Das Kaliber 240 HU hat eine eigene Werkplatte für die Zonenzeiten. »

Eine Familie
Dieser Fokus auf Integration entspringt natürlich dem steten Bemühen, einschliesslich aller Funktionen ein möglichst flaches Werk zu erhalten, und dadurch eine möglichst schlanke Uhr. « Aber wenn wir dies eher über ein zusätzliches Modul als durch Integration erreichen könnten, würden wir es auch tun. Auch die Produktionskosten könnten ein Grund dafür sein. »

Oft reden die Marken schon von einem neuen Kaliber, wenn es bloss modifiziert worden ist… « Hier sprechen wir lieber von einer Werkfamilie. Entscheidend ist das Ankörnen, also die Positionierung von Federhausachse, Unruh, Hemmung, etc… » Es ist immer dasselbe 240 mit den Kennzeichen, Buchstaben und Zahlen, die die zugehörigen angezeigten Funktionen angeben.

Wenn es sich brückenseitig offensichtlich stets um Kaliber 240 handelt, so entwickelt sich die Zifferblattseite laufend. 2000 ist es die Heure universelle, 2002 die Celestial mit ihrem rotierenden Sternenhimmel, « die kleine Schwester der Sky Moon » … Die bisher letzte Uhr in der Reihe war 2014 die Heure universelle mit grosser Mondphase im Zentrum, in limitierter Auflage. Und danach ? Philip Barat lächelt : « Wir verraten nichts mehr, aber wir habe einige Entwicklungen in petto, die auf dem 240 basieren… »

Abgesehen von der Anzeige hat sich auch das Innenleben des Werks weiterentwickelt, indem es von grundlegenden technischen Weiterentwicklungen profitierte, « stets im Zusammenhang mit seiner Zuverlässigkeit. »

Seine Achillesferse war wie erwähnt die Leistungsfähigkeit des Aufzugs. « 1992, als man das ganze Räderwerk durchgerechnet hat, um die kleine Sekunde herauszubringen, verfügte man über neue Software. Wir konnten unsere eigenen Zahnradprofile entwickeln, die spitzen Zähne modifizieren und so die Reibungsverluste vermindern und den Wirkungsgrad des Getriebes steigern. Zudem gab es Fortschritte beim Kugellager der Schwungmasse und ihrer Kupplung, indem man von Stahl zu Zirkonium überging. Da brauchte es keine Schmierung mehr. »

2004 ist die Gyromax-Unruh von zwei Armen mit acht Gewichtchen auf zwei Arme mit vier Gewichtchen übergegangen. Dann hielt die Siliziumspirale oder deren Variante Silinvar ® bei Patek Einzug. « Eine Ausbuchtung nach aussen wurde auf eine Flachspirale gesetzt, um dieselben Vorteile der Ganggenauigkeit wie mit einer Breguet- oder Phillips-Endkurve zu erzielen, aber ohne Verdickung. »

Die Lancierung der Referenz 5550 P im Jahr 2011 ist dann eine Art High Tech-Ritterschlag für das Kaliber 240, denn hier treibt es den ewigen Kalender « Patek Philippe Advanced Research » an und führt Oscillomax® ein. Dabei handelt es sich um ein Ensemble der drei Regulierorgane der neuen Generation mit Silinvar® : Spiroma® x-Spirale, GyromaxSi®-Unruh und Pulsomax®-Hemmung.

« Damit macht Kaliber 240 einen grossen Sprung », begeistert sich Philip Barrat. « Seine Gangreserve ist auf einmal von 48 auf 75 Stunden hochgeschnellt.

Es handelte sich « bloss » um eine limitierte Serie von 300 Stück, wie Patek Philippe es mit den Topprodukten aus ihrer Forschungsabteilung hält. Die Zeit allein wird entscheiden, ob man mit dieser technologischen Schiene auf Kurs ist, oder ob andere Wege vielversprechender sind. Aber so oder so wird Kaliber 240 bestimmt mit von der Partie sein.