pub skyscapper
Ein persönlicher Blick zurück

Ein persönlicher Blick zurück

Von: Jean-Philippe Arm

« The last one by Arm ? » Das war das Codewort dieser Nummer von Watch Around, meiner letzten Schwünge auf redaktionellen Pisten nach 40 Jahren Journalismus, wovon die letzten 25 vor allem auf uhrmacherischem Boden.

Warum hören Sie denn auf ? Sobald mein Entscheid, mich aus dem Rennen zu nehmen, zirkulierte, hagelte es Fragen und Kommentare. Dabei hatte ich mich doch auf leisen Sohlen aus dem Staub machen wollen. Immerhin hatte ich im Mikrokosmos der Uhrmacherei schon quasi zum Inventar gehört. Es ergaben sich viele herzliche oder gar rührende Gespräche, durch die ich mich überzeugen liess, dass ich noch dies und das zu erzählen hätte, bevor ich meine Feder niederlege und meinen Mac ausschalte.

Warum nicht für einmal die Rollen tauschen, und Sie machen einen Artikel daraus ? Okay, stimme ich gerne zu. Ich habe ja schon in meinem Leitartikel einen Anlauf zu einer Erklärung genommen, warum ich gerade jetzt heiter abtrete. Ein wenig ist es mir trotzdem peinlich… Als wir nämlich in den 1970er Jahren unser journalistisches Handwerk lernten, war es absolut verpönt, in der ersten Person Singular zu sprechen. « Ich » war tabu, und wie die grossen Reporter und Leitartikler, denen wir nacheiferten, verwendeten wir das « wir », das kein Pluralis Majestatis, sondern eine Form der Bescheidenheit war. Mit falscher Bescheidenheit hatte das nichts zu tun, es war einfach die Regel. Sich zurücknehmen statt aufzutrumpfen : Darüber kann man heute in einer Welt omnipräsenter Nabelschau nur lachen – die Selfies lassen grüssen !

Uhrenpassion
« Woher hatten Sie diese Passion ? Darum muss es sich doch handeln, wenn Sie damals selbst einem Magazin diesen Titel gaben ! » Stimmt, das ist schon seit langem so. Aber als L’Hebdo, das Nachrichtenmagazin der französischen Schweiz, das eben erst einen brutalen Abgang hatte, mich 1993 bat, ein Sonderheft zur Uhrmacherei zu realisieren, tat es dies nicht darum, weil ich von Uhren begeistert gewesen wäre oder etwas davon verstanden hätte. Ich war schlicht ein in Recherchen, Reportagen und Dossiers geübter Journalist, dem man schon ähnliche Aufgaben zu anderen Themen anvertraut hatte.

In der Schweiz war eine solche Uhrenbeilage eine Premiere, und sie schlug ein. Der Herausgeber bat mich umgehend um ein zweites Heft. Ich sagte zu, ohne zu wissen, in welches Räderwerk ich da meinen Stift hinein hielt. Das Magazin Montres Passion war geboren, das ich während 13 Jahren verantwortete. Wie ich schon beim ersten Eintauchen in die Uhrenwelt geahnt hatte, ist deren journalistisches Potenzial riesig, reichhaltig, bunt und vielfältig in ihren technisch-wissenschaftlichen, historischen, künstlerischen, wirtschaftlichen und menschlichen Aspekten. In dieser besonderen Welt bin ich wahren Aficionados begegnet, die die Passion, die sie fastzufällig gepackt hatte, zum Beruf machten. « Und dann ist es schwierig, da wieder herauszukommen, es ist eine Art Sucht ! »

Ein Spezialgebiet
« Also Sie als Spezialist… » Halt ! So hatte man mich allzu schnell betitelt. Zum Lachen eigentlich, aber auf einer Redaktion gilt man eben rasch als Spezialist, sobald man dreimal ein bestimmtes Thema bearbeitet hat. In der Uhrmacherei hingegen reichen zehn Jahre in einem Atelier gerade eben, dass man nicht mehr als Anfänger gilt. So ist alles relativ.

Rund 2000 Artikel später kann man schon von einem Spezialgebiet sprechen, stimmt ! Aber ich teile es mit unzähligen Kollegen, denn diese redaktionelle Nische hat sich spektakulär erweitert. Viele Talente auf der ganzen Welt fühlten sich auf einmal dazu berufen, während die Schweizer Uhrenindustrie boomte. Boomte ? Lange wurde mit Schweizer Uhrenweniger umgesetzt als mit Pornokinos in Kalifornien – auch hier ist alles relativ. Doch immerhin war dieser Aufschwung ein ernsthaftes Interesse wert. Nun wurde geballte Information geliefert, denn es gab Fans, Kunden, Leser und erst noch Werbeeinkünfte. So ist aus der kleinen Schar « Uhrenjournalisten » vor zwanzig Jahren eine unabsehbare Menge geworden. Letztes Jahr wurden an der Baselworld 4400 Medienschaffende aus 70 Ländern akkreditiert, während die Eröffnungs-Pressekonferenz online von 11 000 Journalisten mitverfolgt wurde.

Ist es noch Journalismus ?
Kann man noch von Journalismus sprechen, wenn es nur um Promotion von Produkten und Beweihräucherung der Marken, die sie lancieren, geht, wodurch man Teil eines grossen Geschäftsmodells wird ? Diese Frage wird in tausend Varianten oft gestellt. Meine Antwort lautet ja, aber… Es kann sich um Journalismus handeln, aber nicht immer… Ebenso wie bei Autos, Mode, Informatik, Konsum, Musik, angewandten Wissenschaften, Finanzen oder Politik. Da sind stets Interessen mit potenziellen Interessenkonflikten im Spiel, Produkte und Marketingpläne, die das Medienecho bewirtschaften, kalkulieren und finanzieren.

In unserer Branche gibt es natürlich viele Pseudo-Berufskollegen, die die Uhrmacher pausenlos glorifizieren, indem sie schlicht deren Pressemitteilungen und -dossiers breitschlagen, ohne kritische Distanz oder einen erkennbaren Mehrwert. Dieses Phänomen hat im Web und in den sozialen Netzwerken schon ziemlich um sich gegriffen. Natürlich haben sich auch manche Uhrenbegeisterte auf diese Nische gestürzt und brillieren mit eindrücklichen Kenntnissen der Modelle und Kollektionen. Aber es gibt auch andere, die vor allem ein gutes Geschäft wittern und opportunistisches Gewäsch ohne Inhalt und Lektorat liefern. Das ist offensichtlich nicht unser Metier.

Expertentanz im Dreivierteltakt
Wie sehen Sie denn als Experte die Zukunft der Branche ? Stopp ! Das ist bekanntlich ein abgedroschenes Wort. Wenn die Expertenprognosen eingetroffen wären, würde man in der Schweiz schon längst keine Uhren mehr herstellen. Und wenn ich heutige Propheten orakeln höre, « die Schweizer Uhrenindustrie hat wieder einmal den Anschluss an neue Technologien verpasst », wenn sie die Smart Watch loben, muss ich nur lachen oder ärgere mich, je nach Laune. Und gleich geht es mir beim Gedanken an sogenannte Kapazitäten, die durch die Lande und Studios ziehen, um den Leuten angeblich unumstössliche Wahrheiten an den Kopf zu werfen, die sich schon am nächsten Tag als zweifelhafte Hypothesen erweisen, um am übernächsten Tag von den Tatsachen widerlegt zu werden. Denn wie es um die Uhrmacherei und ihre Technologien und Märkte in zehn bis zwanzig Jahren bestellt sein wird, weiss niemand. Lassen wir doch den Blick in die Kristallkugel und reden lieber von dem, was wir verstehen.

Wie stand es denn 1993 um die Uhrmacherei ?

Ein guter Ansatz, um die damalige Situation unter die Lupe zu nehmen, ist ein zweiter Blick auf jene famose Beilage von L’Hebdo, die wir Passion horlogère nannten. Auf dem Titelblatt eine persönliche Uhr von Kenan Tegin, Werbechef, einem echten Uhrenfreund und -sammler, den es vor dem minderwertigen Exemplar graute, das die Leute von der Produktion hätten abdrucken wollen. Chefredakteur Jean-Claude Péclet war derselben Meinung, und die alte Tavannes-Uhr, die er in Asien aufstöberte, zeugt immer noch von seinem Interesse an der Uhrmacherei. Die beiden waren die passionierten Uhrenliebhaber, zusammen mit Joël Grandjean, der sich damals um das Akquirieren der Inserate kümmerte.

Eine Sitzung genügte, und schon war ich in den Hügeln und Tälern des Jurabogens unterwegs, um ihre Visionen umzusetzen, zusammen mit drei Verbündeten und Autoritäten auf diesem Gebiet, alle drei aus La Chaux-de-Fonds : Gil Baillod, Chefredakteur des Impartial, ein begnadeter Journalist, Roland Carrera, einst Fournituren-Hersteller, und Pascal Brandt, mit dem er das BIPH gegründet hatte, ein Informations- und Pressebüro der Uhrenbranche. So begann eine lange Zusammenarbeit, die im Fall der Erstgenannten erst mit ihrem Ableben endete, während der Dritte den Sirenengesängen erlag und durch den Spiegel hindurchging, um seinen Durchblick Panerai, Vacheron Constantin, DeWitt und schliesslich Bulgari zur Verfügung zu stellen. Bei jedem Luftloch auf seinem beruflichen Parforceritt konnten unsere Leser von seinen inhaltsreichen Beiträgen und seiner unermüdlichen Jagd nach dem letzten Schrei der Uhrmacherkunst profitieren.

Mentor und Pressesprecher
Der erste Uhrmacher, den ich treffen und der mir seine raffinierten Komplikationen erklären sollte, wobei er meine Fragen ziemlich naiv finden musste, war Philippe Dufour – wahrhaftig kein schlechter Mentor ! Das bunt zusammengewürfelte Inhaltsverzeichnis ging allen Facetten der Branche und ihren damaligen Sorgen nach, von denen einige wie das Swiss made sie definitiv heute wieder beschäftigen. Für die Ausbildung firmierte Antoine Simonin von WOSTEP, die Stardesigner waren Rodolphe und Ben Choda, und TAG Heuer war für die Zeitmessung der schrillen F1 besorgt.

Bei Rolex, die sich noch nicht im lauten Formel 1-Zirkus bewegte, brauchte man hingegen noch kein Ohropax. Wir widmeten ihr einen Artikel mit dem Titel « Rolex oder die Welt der Stille », in dem wir uns sanft über ihre Kommunikationspolitik mokierten. Ein Jahr später erhielt ich eine amüsante Reaktion darauf. Da rief mich eine Dame an und dankte mir für meinen Artikel über den Pizzaiolo, den sie sehr lustig fand und der ihren beruflichen Weg vorgezeichnet habe. « Tut mir leid, Madame, es muss sich um einen Irrtum handeln, ich habe nie etwas über einen Pizzaiolo geschrieben. » « Doch, doch, Monsieur Arm, ich habe den Artikel vor mir. Ich kann ihn vorlesen… » Tatsächlich hatte ich geschrieben, Rolex habe einen tollen Job zu vergeben, den des Pressesprechers, der den Auftrag habe, der Presse gar nichts zu sagen. Als ob man einen Pizzaiolo einstellen würde, der vor allem eins nicht machen solle : Pizzen ! Und dann vertraute Dominique Tadion mir an, man sei bei Rolex über die Bücher gegangen, und sie sei jetzt dort Kommunikationschefin. 15 Jahre lang nahm die charaktervolle, lebhafte Frau diese Aufgabe souverän und mit einer tüchtigen Prise Humor wahr. Ich habe sie oft in Basel gesehen, damals als die Produktepräsentationen noch nicht auf Gruppen zugeschnitten waren, sondern in zwanglosem Rahmen stattfanden, und man von Kultur, Geschichte, Philosophie und ein wenig auch von der Uhrmacherei sprach.

Sind die 1993 publizierten Artikel ein recht getreues Abbild der Uhrmacherei jener Zeit, so ist auch der umfangreiche Werbeteil aussagekräftig. Manche Inserate in dieser Spezialausgabe von L’Hebdo wirken sehr altmodisch, während andere gar keinen Staub angesetzt haben. Unabhängig von den angepriesenen Uhren, die ihr Alter verraten oder zeitlos und klassisch wirken, ist die Werbesprache aufschlussreich. Und natürlich sind manche Marken verschwunden, während andere offensichtlich einen Klassenwechsel vollzogen haben.

Stupende Präsenz
Eine Marke hat sich speziell ausgezeichnet. Die Anekdote ist erzählenswert. Zwei Wochen vor Erscheinen der Beilage, hatte ich einen Praktikanten nach Paudex (VD) begleitet, um ihn bei seiner Feuertaufe zu unterstützen : einem Interview mit dem Patron von Blancpain. Jean-Claude Biver explodierte, als er erfuhr, dass wir eine Sondernummer zur Uhrmacherei herausgeben würde, dass seine Marke nicht inserierte und alle guten Platzierungen schon verkauft waren. Die Fenster des Hauses zitterten, so wütend war er. Ich antwortete ihm ruhig, dass wir aus einem anderen Grund da seien, und er sich direkt an Kenan Tegin wenden solle, was er auf der Stelle tat. Das Resultat war unerwartet und spektakulär : zehn Seiten Werbung, von denen er acht eigenhändig verfasst hatte…

Kürzlich blätterten wir bei TAG Heuer miteinander besagtes Heft durch, damit er sich durch diese Spezialbrille zur allgemeinen Entwicklung der Kommunikation in der Uhrenbranche äussern konnte. Auf Seite 76 angekommen, las er aufmerksam die Folgeseiten und kam lächelnd zum Schluss : « Wir waren gar nicht so schlecht, was ? » Das war leicht untertrieben. Er war einfach beeindruckend schnell und schlagfertig : typisch Biver, mit dieser erstaunlichen Fähigkeit, alle Register zu ziehen und zu brillieren. Hut ab vor diesem Künstler ! Diese stupende Präsenz hat sich nie abgenutzt. Die Zeit ist vergangen, und mein Altersgenosse ist und bleibt, ob das allen gefällt oder nicht, der König des Marketing.

Mido im Kochtopf
Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Uhr ? Bei mir war es eine Mido Ocean Star Automatik, die ich mit 11 Jahren bekam und die zu Recht als robust und wasserdicht galt, ideal für einen ziemlich sportlichen und draufgängerischen Jungen. Mit 16 bekam ich noch eine, diesmal zusätzlich mit Datum. Sie tickten 2003 wieder, als ich für eine Mido-Saga in Biel den damals 82-jährigen Walter Schaeren aufsuchte, dem die Firma bis 1971 gehörte. Natürlich erwähnte ich meine Uhren und gestand, dass sie in einer Schublade lagen und nicht mehr liefen. « Sie müssen sie uns bringen, wir setzen sie wieder in Gang. » « Wir » – das war rührend. All die Jahre seitdem waren wie weggewischt.

In der Tat gab es mehr als einen Uhrmacher im Ruhestand, der die Zeit damit totschlug, in seiner alten Fabrik in Biel Akten abzulegen. Mido war nach Le Locle verlegt worden. Dort konnte ich beobachten, wie man den Stern der Meere damals noch so einmalig wasserdicht machte : Man dichtete die Krone mit Kork ab, der in einem Topf auf einem Kocher in den Kellerräumen der Tissot-Fabrik blubberte ! François Thiébaud lachte schallend, als ich ihm dies kürzlich erzählte : « Damit haben wir längst aufgehört. Das entsprach nicht mehr unseren Fabrikationsnormen. » Es ist auch so, dass die produzierten Stückzahlen bei Mido seither explodiert sind, wie man den offiziellen Statistiken des COSC entnehmen kann.

Doppeltes Glück bei Audemars Piguet
Haben Sie noch mehr solche Anekdoten auf Lager ? Ja, wenn wir schon bei Gründungsvätern und Firmensagas sind, nur zu… Um die Saga von Audemars Piguet aufzuzeichnen, hatte ich den Vater von Jasmine Audemars interviewt, meiner Ex-Kollegin und Ex-Chefredakteurin des Journal de Genève, die seit Jahren dem Verwaltungsrat des bedeutenden Familienunternehmens vorsteht. Jacques-Louis war natürlich im Ruhestand, erschien aber noch jeden Tag in der Manufaktur. Seine persönlichen Erinnerungen reichten bis Anfang des 20. Jahrhunderts zurück, und er hatte noch Leute aus dem 19. gekannt… Zeugnisse aus erster Hand und Alltagserfahrungen : ja, auch das ist Geschichte, und davon lebt sie. Damals war bei AP ein unterschiedliches Duo am Steuer : der eher reservierte Steve Urquhart, der bald nach Biel gehen sollte, wo er sich bei Omega entfalten konnte, und der gemütvolle Georges-Henri Meylan, der sich mit Alinghi im America’s Cup aufs Meer wagte. Dieser Marketingcoup entschädigte ihn reichlich für seine Hartnäckigkeit, nachdem ein erster Versuch mit zu wenig starker Schweizer Beteiligung gescheitert war.

Ein zweiter Glücksfall in der Geschichte von Audemars Piguet ist die regionale Solidarität. Als ihr grösster Werkzulieferer aus dem Vallée de Joux, der sich in deutschem Besitz befand (VDO, später Mannesmann) in den 1980er Jahren in Schwierigkeiten geriet, eilte AP ihrem traditionellen Lieferanten Jaeger-LeCoultre zu Hilfe und übernahm 40 % des Kapitals. Was niemand geahnt hätte, geschah : die Investition erwies sich als überaus lohnend. 2000 übernahm nämlich die Richemont-Gruppe das Uhrenportefeuille des Mannesmann-Konglomerats, das auch die bescheideneren Marken IWC und Lange & Söhne umfasste, für 2 Milliarden Euro, was damals als Unsumme galt. Eine Goldgrube für AP, die es der Marke erlaubte, ihre Unabhängigkeit und ihren Rang zu behaupten und gar an Statur zu gewinnen.

Ein Winner-Duo
Wenn wir schon beim Aufzählen der CEO’s sind, grüssen wir Philippe Merk in der Reihe und heissen 2012 François-Henry Bennahmias willkommen. Der rockige, energische und wendige Mann trat 1994 bei AP ein und leitete ab 1999 den amerikanischen Markt, bevor er nach seiner Rückkehr nach Le Brassus das Haus wachrüttelte und die Verkäufe sichtbar steigerte. Auch wenn es in der Uhrenbranche notorisch schwierig ist, den wahren Geschäftsgang zu kennen, so wird AP doch in allen Einschätzungen, Kommentaren und Stellungnahmen mit Richard Mille der kleinen Handvoll Marken zugerechnet, die 2015 und 2016 prosperiert haben und eine Art Talisman am Handgelenk sind.

Ein grosses Domino
Richard Mille… Ja, das ist auch so einer, ein charismatischer Teufelskerl und Motorsportnarr, der inspirierende Kreationen schafft, ohne sich vom Erfolg verrückt machen zu lassen, dem wir erstmals bei seinem Lieferanten Renaud Papi in Le Locle begegneten, einer Tochterfirma von AP. Schliesst sich der Kreis damit ? Ja und nein : Aus Le Locle, dem brodelnden Schmelztiegel der Uhrmacherei, steigen viele Namen auf und setzen sich im Kopf fest. Die Uhrmacherei ist ein einziges Domino. Wir haben in Le Brassus mit AP angefangen. Genauso gut hätten wir Le Sentier mit Philippe Dufour wählen können, der uns so viele damals unbekannte junge Talente vorstellte. Wir hätten in Sainte-Croix loslegen können mit François-Paul Journe und dem wunderbaren Netzwerk, das er dort hinterliess : Denis Flageolet, Vianney Halter, Dominique Mouret, François Junod (WA005).

Oder wir hätten eben bei Renaud Papi in Le Locle starten können. Die Liste derer, die dort vorbeikamen, bevor sie sich alleine oder im Team anderswo einen Namen machten, ist nämlich eindrücklich… Ha, dazu könnte ich doch in der nächsten Ausgabe von Watch Around etwas schreiben – nur ein Scherz !

Ja, egal, wo man anfängt und auch nur ein wenig in den Erinnerungen kramt, würde bald die ganze Schweizer Uhrmacherszene Revue passieren, wenn wir die Dominosteine aneinanderlegen, die für persönliche Beziehungen zwischen Menschen stehen. Ist es nicht das, was letztlich zählt ? Das leuchtet wohl ohne viele weitere Beispiele ein. Nur eines noch, auf den Weg.

Max und seine Freunde
Mit Max Büsser wurde das Netzwerk zum Konzept. Als ich ihn bei Harry Winston zum ersten Mal traf, kam er gerade aus dem Vallée de Joux, von Jaeger-Le Coultre, und ich befürchtete, er könnte seine neue, wenig uhrmacherische und nicht nur an Karaten schwere Marke als Korsett empfinden. Doch da hatte ich sein eigenes strahlendes Potenzial unterschätzt. Er brachte mit seinen OPUS-Uhren eine neue Dynamik in ihren Uhrensektor. Er tat dies zunächst mit François-Paul Journe und bot dann diese geniale Plattform einer ganzen Schar von Uhrenkonstrukteuren an, die innovative Mechanismen entwickelten und nur gehalten waren, formell die ästhetischen Codes von Harry Winston zu beachten.

2005 ging der Spezialpreis der Jury für die Uhr des Jahres, den wir 1994 mit Kenan Tegin lanciert hatten, an die Opus 5. Diese Kreation des unabhängigen Uhrmachers Felix Baumgartner bot die erste Anzeige mit drei rotierenden Satelliten und eine Serviceanzeige. Die Gene von Urwerk waren schon da. Felix wurde allerdings nicht auf die Bühne gerufen, sondern der Vertreter der Marke. Max ? Auch nicht, denn der hatte Harry Winston eben verlassen. Hinter den Kulissen flüsterte ich seinem Nachfolger Hamdi Chatti zu, Max bei seinem Dank nicht zu vergessen. Er lächelte : « Aber natürlich ! » Dann spannte er mich bis zum letzten Satz seiner Ansprache auf die Folter, aber dann tat er es, auf elegante Weise.

Das Fest und ein Unbehagen
Zur Feier des zehnjährigen Geburtstags der Opus-Familie fanden sich 2010 alle Protagonisten dieses Abenteuers – ein Freundeskreis mit geballtem uhrmacherischem Talent – zu einem sehr geselligen Abend ein. Nur einen Wermutstropfen, ein Unbehagen gab es : die Abwesenheit von Max, den man nicht eingeladen hatte, was niemand verstand. Aus Versehen ? Keineswegs, es war volle Absicht der Marke, wie Frederic de Narp, der Nachfolger Hamdi Chattis, ohne mit der Wimper zu zucken, bestätigte. Chatti war inzwischen in edlere Welten entschwunden – zu Montblanc und dann Louis Vuitton – während Max sein Konzept erfolgreich ausgebaut und seinen schillernden Pool von kreativen Uhrmachern zu weit mehr als einem Freundeskreis gemacht hatte : zur eigenständigen Marke MB&F.

Dort finden sich beachtlich viele Teile unseres grossen Dominos wieder. Ziehen wir doch eins, fast zufällig : Eric Giroud, Uhrendesigner. Für die erste Nummer von Watch Around hatte er Anfang 2007 einen ganzen Tag mit Max in unseren Räumlichkeiten in Neuenburg verbracht, zur gemeinsamen Vorbereitung der Rubrik « Kulissen », die der ersten Horological Machine von MB&F gewidmet war und « Goldorak und der Rotor » heissen sollte. Im vergangenen Dezember haben wir ihn, mit dem vorliegenden Heft im Blick, gefragt, was er denn 1993 tat : « Im Herbst 1993 hatte ich zwei Misserfolge hinter mir : in der Musik und dann in der Architektur. Ich musste mein Ego auf Eis legen und auf diversen Gebieten bescheidene Praktika absolvieren. 2006/7 entwarf ich seit etwa acht Jahren Uhren. Der Auftrag für MB&F war ein Schlüsselmoment in einer entscheidenden Phase, in der ich dank eines neuen und innovativen Projekts vom Schatten ans Licht treten konnte. » Eine schöne Anerkennung.

Dieser Dominostein schloss wieder an Max an. Ein anderer hätte uns zu Jean-Marc Wiederrecht geführt, mit dem Eric Giroud für OPUS 9 firmiert hatte. Und über Jean-Marc wäre man zu einer ganzen Reihe von Marken gelangt, die das Glück hatten, von seinen verblüffenden retrograden Anzeigen zu profitieren. Doch es ist Zeit, unser Domino wegzuräumen.

Hors-sol-Kultur und baslerische Begegnung
Welcher Uhrensalon zählt für Sie : immer noch Basel oder ganz klar Genf ? Natürlich beide. Als Alain Dominique Perrin von Jahrmarkt mit Bratwurstgeruch sprach, um die Gründung seines eigenen elitären Genfer Salons in gedämpftem Ambiente zu rechtfertigen, hatte er provoziert, aber im Scharmützel der Salons floss nur Tinte. Weitere Bilder aus der Küche gefällig ? Nachdem man etwas, aber nicht allzu viel Porzellan zerschlagen und sich auf Daten geeinigt und wieder entzweit hatte, sich überlappende und dann klar nach Winter und Frühling getrennte Salons anbot, kam der Brand wieder unter Kontrolle. Zuerst gibt es eine delikate Vorspeise und dann ein Hauptmenu, da kommt gewiss jeder auf seine Rechnung, ausser vielleicht jene, die zweimal statt nur einmal in die Schweiz reisen müssen. Ob Genfer Hors-sol-Kultur oder echtes Basler Leben ist doch einfach eine Frage des Geschmacks. Paradoxerweise lässt der jährliche Salon die Calvinstadt, Produktionsstätte und Schaufenster der Uhrmacherei seit Jahrhunderten, ausserhalb der Hotels und des Palexpo völlig kalt. Hingegen ist eine ganze Region und ihre Bevölkerung auf die Baselworld eingestimmt, und das spürt man draussen in der Stadt bis spätabends. Und die grosse multinationale Familie der Uhrmacherei trifft sich zwanglos zum rituellen Wiedersehen. Das wahre Genfer Pendant zur Baselworld ist nämlich der Automobilsalon.

Und was haben Sie jetzt vor ? Tut mir leid, die Zeit ist abgelaufen. Sie dachten wohl schon, ich plappere endlos weiter, aber das soll doch noch ein Artikel sein und kein Buch werden. Hören wir auf, bevor ich ins Schwafeln komme. Ja, ich weiss, dafür ist es schon zu spät !